Unermesslich

© Tarchin Hearn  “Immeasurable” 4/2000
übersetzt aus dem Englischen von Peter Gerdes

Oh mein Freund – ich atme tief und spüre die Verbindung zur Erde – der Geburtshöhle des Werdens. Voller Wertschätzung öffne ich meine Augen und schaue tief in dich hinein – in die Ganzheit deines Wesens. Ich sehe deine Mutter und deinen Vater, deine Brüdern und Schwestern. Ich sehe deine Tanten und Onkel, deine Cousinen und Cousins, Großeltern und Urgroßeltern. Ich sehe deine Freunde, deine Lehrer und deine Führer. Ich sehe Bekannte und vorbeiziehende Fremde. All diese Wesen, jeder einzelne von Ihnen hat Bedürfnisse, Hunger, Appetit, Gefühle des Mangels und Wünsche – ein Gewebe des Erreichens und des Werdens.

Ich atme, und schaue tief in dich hinein – und ich sehe die ganze Welt. Das Universum, das sich in der Einzigartigkeit des Wesens entfaltet, das du bist. Mein Freund – du bist unermesslich.

Sogar der kleinste Teil von dir ist unermesslich. Die große Tiefe deines Wesens zu fühlen, sowohl in seiner Größe, als auch in seiner Winzigkeit, erfüllt mich mit einer immensen Ehrfurcht, die so groß ist wie das ganze Universum. Ich berühre dich, berühre mich, berühre Alles – unermessliches Geheimnis der vier kostbaren Juwelen.

Mein Freund – ich spüre das Auf und Ab des Atems und ich verweile – eingebettet in das Wunder des Augenblicks – in der Vergänglichkeit dessen, was du bist. Ich spüre das Gewebe aus Ursachen und Bedingungen von denen jede einzelne deine Existenz formt. Menschen die sich ändern, Gesellschaften die sich ändern, Zellen und Moleküle die sich ändern. Die Sonne, die ihre Lichtstrahlen aussendet, der Wasserkreislauf, die Photosynthese. Die Erde und all die Organismen. Ich sehe diese Ganzheit in Dir – dieses geheimnisvolle Schimmern – dieses sich immer erfrischende Neue, das du bist – diese fortwährende Veränderung deines Seins mit all den unvorhersehbaren Möglichkeiten.

Ich atme und schaue tief in dich hinein – und ich sehe eine unendliche, fortwährende Veränderung – unfassbar – In dem Moment in dem ich dich greife, stirbst du und wirst zu jemandem, den ich erst kennen lernen muss – undefinierbar – unermessliches Geheimnis der vier kostbaren Juwelen.

Mein Freund – der Atem meines Wissens geht auf und ab mit deinem Atem deines Wissens. Die Einzigartigkeit deines Wesens widersetzt sich jedem Vergleich. Nicht so wie der oder die, nicht so wie gestern, nicht besser als vorher oder schlauer als er oder ehrlicher als sie, Dies universelle Geheimnis dessen was du bist ist unvergleichbar. Du bist nicht wie irgendetwas was war und nichts wird jemals so sein wie du.

Mein Freund – ich verweile in der Fülle dessen was du bist. Alles urteilen, alles bewerten, alles gut oder schlecht löst sich auf in den pulsierenden Überraschungen des hier und jetzt. Du bist unermesslich und dein grenzenloses Geheimnis gebärt die vier kostbaren Juwelen in diese Welt.

Oh mein Freund – die Kinder dieses Treffens – die vier kostbaren Juwelen heißen: Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und heitere Gelassenheit. Sie werden dadurch geboren, unermesslich zu schauen und sie setzen das Wissen über die Unermesslichkeit ins Leben. Lass mich dir eine weitere Idee dessen geben, was ich meine.

Letzten Monat gaben mir einige Freunde ein beeindruckendes Photo des Hubble-Teleskops. Es sah aus wie eine Ansammlung von Sternen, aber als ich die Erläuterung las, fand ich heraus, dass nur einige Lichtpunkte Sterne waren und all die anderen Flecken, Ovale und Spiralen Galaxien waren, von denen sich jede Einzelne aus Tausenden von Sternen zusammensetzte. Als ich weiterlas hieß es: „Dies ist das Universum, Schicht um Schicht von anderen Welten – so weit das Auge, oder das Hubble-Teleskop sehen kann. Das Licht von einigen dieser Galaxien hat elf Milliarden Jahre gebraucht um uns zu erreichen.

Das Bild an sich ist sehr beeindruckend, aber als ich weiterlas, fand ich heraus, dass diese Photographie einen Bereich des Himmels abdeckte, der gleich der Größe eines Sandkorns ist, den man mit ausgestrecktem Arm in der Hand hält.

Vor einigen Wochen hatte ich mich zurückgezogen in die obere Hütte in Wangapeka. Ich saß draußen, kurz vor der Morgendämmerung und badete in der Strahlung unzähliger Sterne. Als die Letzten in der Morgendämmerung verblassten, hielt ich einen Sandkorn mit ausgestrecktem Arm auf der Fingerspitze – und ich sah, dass ein auf Armlänge gehaltener Sandkorn gerade mal die Fläche eines Sternes bedeckte. Dann hielt ich mein „Sandkorn-Teleskop“ in alle Richtungen und ich stellte mir vor meinem inneren Auge die unendlichen Summen von Galaxien vor, die es gab – in jeder Richtung – und unsichtbar für meine Augen. Wie viele Sandkörner auf Armeslänge bräuchte ich wohl, um den ganzen Himmel zu bedecken, wie viele Welten, wie viele fühlende Wesen sind dort draußen, die möglicherweise ebenfalls Sandkörner in den Himmel halten oder sich ähnliche Gedanken machen?

Als das Licht heller wurde hielt ich mein Sandkorn-Teleskop in Richtung eines Baumes. Das Teleskop wurde zu einem Mikroskop und vor meinem inneren Auge zeigten sich zahllose Zellen, Organelle, Moleküle und Atome. Wie viele Sandkörner auf Armeslänge bräuchte man, um einen Baum zu bedecken? Ein Vogel kam und setzte sich auf einen Ast – ein Vogel – mit Organen, gefüllt mit Mikroorganismen, die sich wiederum zusammensetzen aus Organen, Zellen, Molekülen usw. Während ich mein Sandkorn Teleskop/Mikroskop in alle Richtungen hielt eröffnete sich mir ein Universum, welches wahrlich unermesslich ist.

Wir haben uns in Wangapeka dieses Jahr dem Kultivieren dessen gewidmet, was im Buddhismus Die vier Unermesslichkeiten genannt wird. Dieses sind Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und heitere Gelassenheit. Begleite uns doch dabei, selbst wenn du nicht in der Lage bist nach Wangapeka zu kommen. Schau auf deine Kinder – schau auf deine Mutter und auf deinen Vater. Schau auf deinen Hund oder auf die lila Pilze am Ende deines Gartens. Schau mit Liebe – und wünsch Ihnen wahrhaft alles Gute. Schau mit Mitgefühl –nimm ihre Kämpfe wahr – und stehe dabei fest auf dem Boden – sei da für sie auf jede erdenkliche Weise die hilft. Schau mit Mitfreude und sprudele über mit ihrer Freude und ihrem Erfolg, ohne das auch nur eine Spur von Neid oder Eifersucht in dir entsteht. Schau mit Heiterkeit – mit Augen voll tiefer Wertschätzung und dem Wissen und dem Verständnis über ihre immense Komplexität und das Wunder ihres Lebens. Unermessliche Liebe, Mitgefühl, Freude und Gleichmut.

Mein Freund – versuch doch öfter mal eine Pause einzulegen im Laufe eines jeden Tages und verweile in dem Gewahrsein deines Atems. Erlaube jeder Spannung sich in dem Seufzer deines Ausatmens zu lösen. Öffne deine Augen und schaue tief – wertschätzend – und berührt von all dem was du siehst. Möge die Erfahrung dieser vier Unermesslichkeiten im Garten deines Geistes erblühen – zum Wohle aller Wesen.

Ich wünsche dir alles Gute

Tarchin

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